Handlungsschritt II: Lernsituation legitimieren

  Baustein II.1: Pflegepraxis einbeziehen


Im vorigen Handlungsschritt haben Sie die Rahmenbedingungen der Lernsituation abgesteckt. Im Folgenden geht es darum, die Lernsituation aus verschiedenen Blickwinkeln zu legitimieren. Der erste Schritt ist dabei das Einbeziehen der Pflegepraxis.

 

 
Ziel Vorgehensweise und Ergebnis

Typische Aufgaben- und Problemstellungen sowie Stärken und Schwächen aus der beruflichen Praxis fließen in die Lernsituation ein und garantieren Realitätsbezug.





Aus unterschiedlichen Perspektiven (Klienten, Angehörige, Praxisanleiter, Pflegeeinrichtung, …) erfassen Sie Anforderungen, Aufgaben- und Problemstellungen, Unterstützungsmöglichkeiten und Einschränkungen aus der beruflichen Praxis. Das Ergebnis kann eine breite Sammlung sein, aus der anschließend eine Auswahl getroffen wird ( siehe III.2 Inhalte zuordnen und reduzieren). Sie können diesen Schritt je nach Ihren zeitlichen und personellen Ressourcen in unterschiedlichem Umfang gestalten; sinnvoll wäre z.B. ein gemeinsames Brainstorming mit PraxisanleiterInnen und Auszubildenden.

Hinweis

Das Einbeziehen der Pflegepraxis unterstützt Sie dabei, pflegeberufliche Schlüsselprobleme zu identifizieren und in Ihrem Unterricht zu bearbeiten (siehe Exkurs Schlüsselprobleme). Auf diese Weise stellen Sie die Verbindung zum beruflichen Handlungsfeld Pflege her.

Lernsituationen müssen die Praxisrealität aufgreifen, ohne sie jedoch 1:1 zu spiegeln. Die Aufgaben- und Problemstellungen aus der Praxis werden in nachfolgenden Bausteinen erweitert und angereichert ( z.B. II.2 Bildungsgehalt bestimmen).

Exkurs: Schlüsselprobleme


Pflegeberufliche Schlüsselprobleme können eine Hilfestellung bei der Konstruktion von Lernsituationen bieten. Sie stellen in einer Art „Brückenfunktion“ den bislang fehlenden Bezug zum beruflichen Handlungsfeld der Pflege her. Unter Schlüsselproblemen werden hier in Anlehnung an Klafki (1993, 56ff) zentrale, gegenwärtige und zukünftige Probleme verstanden.
Ein Problem lässt verschiedene mögliche Sichtweisen zu und beinhaltet prinzipiell Alternativen zur Entscheidung und ggf. Problemlösung. Es kann jedoch auch einen unlösbaren Widerspruch in sich bergen, so dass jedes Handeln Folgeprobleme nach sich zieht und der Handelnde in ein moralisches Dilemma gerät (Panke-Kochinke 2005, 140, Schwerdt 2005, 62).
Pflegeberufliche Bildung bedeutet die Auseinandersetzung mit bedeutsamen Problem- oder Konfliktsituationen oder aber mit konkreten Aufgabenbereichen aus dem Berufsfeld Pflege. Diese Auseinandersetzung kann und muss sich dabei unterschiedlicher Zugangswege bedienen, die über die Aneignung von (pflege-)wissenschaftlichem Wissen hinaus auch situatives Fallverstehen und kritische Reflexion ermöglichen (Darmann 2001, 235 und 2005, 329; Schwerdt 2005, 64ff).

Pflegeberufliche Schlüsselprobleme bilden demnach einen begründeten Ausgangspunkt und damit den Anlass für Lernen. Sie allein reichen jedoch nicht aus, um Lernsituationen zu gestalten. Pflegeunterricht darf den Blick nicht zu stark auf (problematische) Situationen verengen, sich nicht nur einseitig an der beruflichen Realität orientieren. Um ihrem allgemeinen Bildungsauftrag gerecht zu werden, muss Schule darüber hinaus die Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden unterstützen und begleiten.

Für die Nutzung pflegeberuflicher Schlüsselprobleme bei der Konstruktion von Lernsituationen stellen sich damit zwei zentrale Fragen:

  1. Wie können pflegeberufliche Schlüsselprobleme identifiziert werden?
  2. Wie können die identifizierten Schlüsselprobleme so angereichert werden, dass sie für den Unterricht nutzbar sind?

Eine mögliche Antwort bietet die nachfolgende Übersicht:

Was

Wie

Warum

Erheben:

Pflegeberufliche Situationen (Pflegepraxis)

Vielfältige Vorgehensweisen möglich, z. B.

  • verschriftlichte Erzählungen (Narrative) von Lernenden und / oder Pflegefachkräften
  • strukturierte mündliche Praxisreflexion mit den Lernenden
  • Befragung von Beteiligten / Experten
  • Beobachtungen in der beruflichen Praxis
  • die Lernsituationen in der Schule greifen praxisnahe berufliche Situationen auf und bereiten darauf vor

 

 

Erkennen:

Pflegeberufliche Schlüsselprobleme

Auswertung der erhobenen Daten entsprechend der gewählten Vorgehensweise, z. B.

  • Textanalyse
  • Zusammenführung und Verdichtung (Clustering)
  • das Zentrale, Exemplarische wird erfasst

 

 

Bestimmen:

Bildungsgehalt eines bzw. mehrerer Schlüsselprobleme

Verschiedene Vorgehensweisen anhand unterschiedlicher theoretischer Strukturen möglich, z. B.

  • Strukturgitteransatz (Greb 2005, 56ff)
  • Pflegedidaktische Heuristik (Darmann 2005, 332)
  • die (problematische) Berufsrealität wird um theoretische Aspekte erweitert, der Bildungsauftrag der Berufsschule erfüllt

 

 

Auswählen:

Inhalte / zu fördernde Kompetenzen für eine bzw. mehrere Lernsituationen

Didaktische Reduktion:

  • quantitativ reduzieren (einzelne Inhalte werden ausgewählt, andere vernachlässigt)
  • qualitativ reduzieren (die ausgewählten Inhalte werden den Lernenden vereinfacht präsentiert)
  • exemplarische Lernsituationen entwickeln
  • eine Schwerpunktsetzung erfolgt
  • curriculare und schulspezifische Strukturen werden berücksichtigt

Abb. 1: Vorgehensweise zur Nutzung von Schlüsselproblemen für die Konstruktion von Lernsituationen

Innerhalb des Forschungsprozesses von LoAD wurden elf Schlüsselprobleme in Bezug auf die Pflege von Menschen mit Demenz identifiziert. Dazu wurden zunächst Experten, die in unterschiedlichen Bereichen mit der Pflege von Menschen mit Demenz in Kontakt sind, zu typischen Situationen in der Pflege von Menschen mit Demenz befragt. Die Ergebnisse wurden anschließend zusammengeführt und zu elf Schlüsselproblemen verdichtet:

  1. Hin-, Weg- und Umherlaufen
  2. Abwehren von Pflegeangeboten
  3. Wiederholen von Handlungen und ständiges Rufen
  4. Regressives Verhalten
  5. Normwidersprüchliches Verhalten
  6. Gefühle ausdrücken, die belasten
  7. Unbegleitete Interaktionen zwischen Menschen mit und ohne Demenz
  8. Veränderte Orientierung
  9. Sexuell enthemmtes Verhalten
  10. Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Verkennungen
  11. Nicht verstehen

 

Abb. 2: Im Forschungsprozess erhobene Schlüsselprobleme in der Pflege von Menschen mit Demenz

Für die exemplarisch entwickelte Lernsituation „Verhalten von Menschen mit Demenz als sinnhafte Lebensäußerung verstehen und eigenes Handeln reflektieren“ wurden drei Schlüsselprobleme als Grundlage genutzt:

    • Abwehren von Pflegeangeboten
    • Veränderte Orientierung
    • Nicht verstehen

Der Bildungsgehalt dieser Schlüsselprobleme wurde anhand der Pflegedidaktischen Heuristik (Darmann 2005, 332) bestimmt. Dabei konnten die Schlüsselprobleme, die überwiegend aus der Sichtweise von Pflegenden formuliert sind, insbesondere um die – vermutete – Sichtweise des Menschen mit Demenz erweitert werden.
Dieser Schritt kann im Handlungsleitfaden anhand des Bausteines II.2 „Bildungsgehalt bestimmen“ für das Schlüsselproblem „Abwehren von Pflegeangeboten“ beispielhaft nachvollzogen werden.

 

Literatur:
Darmann, I. (2001). Situations-, wissenschafts- und interaktionsorientierter Pflegeunterricht. PR-Internet 11/01, 235-241.
Darmann, I. (2005): Pflegeberufliche Schlüsselprobleme als Ausgangspunkt für die Planung von fächerintegrativen Unterrichtseinheiten und Lernsituationen. PR-Internet 6/05, 329-335.
Greb, U. (2005): Fachdidaktische Reflexionen. Das Strukturgitter Fachdidaktik Pflege. In U. Greb (Hrsg.), Lernfelder fachdidaktisch interpretieren. Werkstattberichte zur Gestaltung von Gesundheits- und Krankheitsthemen im schulischen Bereich, S. 45-92. Frankfurt: Mabuse.
Klafki, W. (1963). Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Weinheim: Beltz.
Klafki, W. (1993). Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik. Weinheim und Basel: Beltz.
Panke-Kochinke, B. (2005). Die Lernsituation – Konstruktion und Erfahrung. PR-Internet 3/05, 139-151.
Schwerdt, R. (2005). Lernen der Pflege von Menschen mit Demenz bei Alzheimer Krankheit. Anforderungen an die Qualifikation professioneller Helferinnen und Helfer. Zeitschrift für medizinische Ethik, 51. Jg., Heft 1, 59-76.


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