Mögliche Lösungen zur Lerneinheit III: Lebensäußerungen als Bedürfnisse einschätzen


Mögliche Lösungen Handlungsschwerpunkt 2:
Zentrale Bedürfnisse von Menschen mit Demenz erfassen

 

Fragen

 

Bedürfnisse

 

Was bedeutet es?

 

Was beobachten Sie?

 

Wie kann es befriedigt werden?

Trost

(persönliche Formulierungen der Lernenden)

  • weinen
  • Tränen
  • wehklagen
  • stöhnen
  • seufzen
  • Augen mit „leerem“ Ausdruck
  • die Augen blicken nach unten
  • hängende Schultern
  • die Mundwinkel sind nach unten gezogen
  • das Gesicht in den Händen verbergen
  • das Suchen nach körperlicher Nähe und Kontakt
  • erhöhtes sexuelles Verlangen (Beobachtung) kann zum Teil als ein Ausdruck des Bedürfnisses nach Trost verstanden werden (Deutung)
  • sich dem Menschen zuwenden, im Kontakt ganz im Hier und Jetzt sein und dem Menschen aufmerksam zuhören
  • Gefühle stellvertretend für den Menschen formulieren und diese wertschätzen
  • behutsame körperliche Nähe und Orientierung geben,     d. h. Zärtlichkeit gemischt mit Festigkeit
  • ein verständnisvolles Nicken
  • das Halten einer Hand
  • das Reichen eines Taschentuches
  • das Abwischen von Tränen
  • eine zärtliche, umfassende Umarmung
  • ein gemeinsames rhythmisches Hin- und Herwiegen
  • das Streicheln über den Rücken
  • die Ängste durch einfühlsames Zusprechen beschwichtigen

Primäre Bindung

 

Attachment-Verhalten (anklammerndes Hinterherlaufen)

  • anklammern
  • hinterherlaufen
  • ständiges Rufen
  • wiederholtes Fragen
  • bindende, festhaltende Gespräche
  • ständiges Suchen nach Zuwendung oder Hilfe
  • still vor sich hin starren
  • das Hinterherlaufen innerlich für sich als Zeichen des Vertrauens bewerten und dieses verbal und nonverbal wertschätzen
  • Beständigkeit und Vertrautheit in der räumlichen und sozi­alen Umgebung (feste, kontinuierliche Bezugspersonen)
  • im Blickfeld bleiben oder versichern, dass man wieder­kommt
  • wiederholt und mehrmals am Tag Kontakt herstellen („Bienchendienst“)
  • sich auf den Menschen einlassen, ihn nicht abweisen
  • Übergangsobjekte zur Verfügung stellen wie beispielsweise Kuscheltiere oder Puppen
  • für Sicherheit und Orientierung sorgen ( z. B. Handlungen ritualisieren)

Einbeziehung

 
  • Umhergehen, auf der Suche sein
  • Aufmerksamkeit heischendes Verhalten zeigen
  • Attachment-Verhalten
  • sozial unbeteiligt und zurückgezogen sein

 

  • Teilnahme an regelmäßigen, stabilen Kleingruppenaktivitäten anbieten (in der Rolle als Teilnehmer oder Zuschauer)
  • Menschen dabei unterstützen, Kontakt zu anderen Menschen herzustellen
  • den Menschen in der Gruppe begleiten, ihn einfühlsam einbinden
  • den Gruppenprozess beobachten, wenn notwendig unterstützend eingreifen
  • gemeinschaftliche Aktivitäten ermöglichen (Kaffeeklatsch, Ausflüge, Feste)

Beschäftigung

 
  • anderen helfen
  • auf der Suche nach Beschäftigung sein
  • sich durch verschiedene Tätigkeiten selbst beschäftigen (z. B. Papier, das herumliegt in kleine Schnipsel zerreißen)
  • suchen, kramen, horten und verstecken
  • Selbststimulation (z. B. an der Bettdecke nesteln, am Katheter ziehen, den Einmalslip zerreißen, Teile der eigenen Kleidung zerknittern, mit den eigenen Ausscheidungen spielen)

 

  • in verschiedene gegenwärtige Aktivitäten mit einbeziehen und zusammenarbeiten (z. B. Körperpflege, anziehen, essen, kochen, Wäsche falten, bügeln, Staub wischen, Gartenarbeit)
  • Unter- und Überforderung vermeiden, nicht das Ergebnis, sondern den Prozess (das Erleben) in den Mittelpunkt stellen
  • Ausüben vertrauter Tätigkeiten ermöglichen, in denen sich der Mensch mit seiner Lebensgeschichte wiederfindet (z. B. Tätigkeiten anbieten, die an den früheren Beruf anknüpfen)
  • sich absichtslos zu Verfügung stellen und zusammen kreativ sein (z. B. spielen, tanzen, singen)
  • Kisten und Möglichkeiten zum Kramen und Sortieren bereitstellen

Identität

 
  • ständiges Fragen
  • ständiges Hin- und Herlaufen
  • auf der Suche sein
  • herausfordernde Verhaltensweisen (wie leugnen, andere beschuldigen, schimpfen, aggressive Reaktionen) dienen oft der Wahrung der eigenen Identität (Deutung)
  • regressive Muster sind als Coping-Strategie zu sehen, die dazu dienen, das Ich zu erhalten (Deutung)
    • Ich-Regressionen: Ich muss zur Arbeit
    • Objekt-Regressionen: Kuscheltier, Puppe
    • Libido-Regressionen: alles in den Mund nehmen, Schmierlust mit Kot oder anderem
  • Zugang zur Lebensgeschichte des Menschen gewinnen (z. B. durch biographiebezogene Pflegeanamnese)
  • an den individuellen Ressourcen anknüpfen und den Menschen nicht mit seinen Defiziten konfrontieren
  • den Menschen mit seinem Namen ansprechen und die Interessen und Gesprächsthemen, die ihm wichtig sind, aufnehmen
  • durch verschiedene Formen der Erinnerungsarbeit dem Menschen seine Biographie vergegenwärtigen und so sein Selbstwissen wahren
  • die Umgebung mit Gegenständen, die für den Menschen bedeutsam sind (Erinnerungsgegenstände, Identitätssignale), gestalten
  • Erinnerungsalben (Lebensbücher) herstellen und diese zusammen betrachten
  • Musik aus der jeweiligen Zeit
  • zusammen etwas tun und darüber ins Gespräch kommen

 

Literatur:

Kitwood, T. (2000). Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen (S. 121-126).
Welling, K. (2004). Der personenzentrierte Ansatz von Tom Kitwood – ein bedeutender Bezugsrahmen für die Pflege von Menschen mit Demenz. In H. Rüller (Hrsg.), Unterricht Pflege, Interaktionen in der Pflege von Menschen mit Demenz (S. 2-13). Brake: Prodos Verlag.
Stuhlmann, W. (2005). Demenz – wie man Bindung und Biographie einsetzt. Basel: Ernst Reinhardt Verlag (S. 41-71).
Messner, B. (2004). Pflegeplanung für Menschen mit Demenz. Was Sie schreiben können und wie Sie es schreiben sollten. Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft (S. 130-131).

 

Mögliche Lösungen Handlungsschwerpunkt 3:
Bedürfnisse beim Essen und Trinken berücksichtigen

 

Nachbereitung

 

Frage

Bedürfnisse

Wie und wodurch kann das jeweilige Bedürfnis in Bezug auf die Lebensaktivität Essen und Trinken befriedigt werden?

Trost

  • Während des Essenreichens auch auf die derzeitige Befindlichkeit und die Gefühle des Menschen mit Demenz eingehen, d. h., dass Essenreichen nicht nur unter dem Aspekt der Verrichtung (die Mahlzeiten und den Vorgang des Essens betreffend), sondern immer auch unter dem Aspekt der Beziehung stattfindet. Hierbei gelten die Prinzipien: „Kontakt vor Funktion“ und „Kontakt aufnehmen und halten“.
  • Dem Menschen mit Demenz Speisen und Getränke anbieten, die er gerne mag und mit denen er eine positive Bedeutung verbindet. Speisen und Getränke können (individuell unterschiedlich) in bestimmten Situationen tröstend empfunden werden. Die Ästhetik (liebevoll angerichtete Speisen) und Atmosphäre (ein schön gedeckter Tisch) bei der Nahrungsaufnahme können ebenfalls eine tröstende Wirkung auf den Menschen haben.
  • Wenn der Mensch mit Demenz nicht essen möchte oder während­dessen aufhört zu essen, nicht mit Gewalt zum Weiteressen zwingen oder zur Nahrungsaufnahme überlisten. Feststellen, ob der Mensch aktuell leidet und die Speisen willentlich zurückweist (und dem dann nachgehen) oder ob er nicht essen kann (z. B. auf Grund von Apraxie oder Agnosie).
  • Essen und Trinken auch unter dem Aspekt der Lustbetontheit sehen.

Bindung an eine Person

  •  Sich dem Menschen während des Essens und Trinkens voll zuwenden, sich auf ihn einlassen und dieses durch Körpersprache und Blickkontakt zum Ausdruck bringen (z. B. sollte die Pflegeperson bei der Unterstützung an der Seite des Menschen sitzen, um zu vermitteln, dass sie sich Zeit und Ruhe für das Essenreichen gibt). Im Kontakt ganz im Hier und Jetzt sein (volle Aufmerksamkeit).
  •  Vor dem Essenreichen Kontakt zum Menschen aufnehmen und während des Essenreichens aufrechterhalten.
  •  Kontinuität in der Pflegebeziehung gewährleisten (Bezugspflege), d. h. es sollte möglichst dieselbe Person die Unterstützung beim Essenreichen durchführen. Sie kann sich auf den Menschen und seine Art, zu kommunizieren und zu essen, einstellen, zudem werden aber auch individuelle Fähigkeiten und Probleme schneller erkannt. Die Organisation der pflegerischen Handlung „Essenreichen“ sollte somit beziehungsorientiert und nicht verrichtungsorientiert erfolgen.
  •  Beständiges Rufen oder ständiges Suchen nach Zuwendung und Hilfe beim Essen und Trinken innerlich für sich als Vertrauen bewerten und das Verhalten verbal und nonverbal wertschätzen.
  •  Für Sicherheit und Orientierung beim Essenreichen sorgen (z. B. Berücksichtigung bestimmter lebensgeschichtlich geprägter Rituale wie vor dem Essen beten), ritualisierte Handlungsabfolgen beachten etc. (siehe Sensobiographie), für eine sichere und bekannte Umgebung sorgen.
  •  Den Menschen nicht auf das Essen warten lassen und während des  Essenreichens nicht ständig unterbrechen.
  •  Die Kommunikation an die spezifischen Fähigkeiten des Menschen anpassen.
  •  Während des Essenreichens im Blickfeld bleiben.
  •  Wiederholt und mehrmals am Tag Kontakt herstellen und dabei auch Essen und Trinken anbieten.

Einbeziehung in Gruppen

  • Den Menschen zum geselligen Essen und Trinken in der Gruppe einladen und ihn einfühlsam einbinden.
  • Signale des Menschen als Mitteilungs- und Kommunikationsversuch verstehen und versuchen, sie sinngemäß zu interpretieren.

Beschäftigung

  • Den Menschen so weit wie möglich in die LA Essen und Trinken miteinbeziehen, mit ihm zusammenarbeiten, z. B. ihn in Prozesse der Nahrungszubereitung, Nahrungsauswahl und Nahrungsaufnahme einbinden.
  • Die Unterstützung auf das Fähigkeitsspektrum des Menschen abstimmen und Unter- bzw. Überforderungen vermeiden. Handlungen erleichtern, z. B. Handlungsversuche des Menschen mit Demenz deuten und unaufdringlich, zurückhaltend ergänzen, so dass der Mensch mit Demenz weitermachen kann.
  • Speisen in Sicht- und Reichweite des Menschen stellen.

Identität

  • Die individuellen und lebensgeschichtlichen Ess- und Trinkgewohnheiten (Essbiographie) des Menschen ermitteln (z. B. durch Sensobiographie) und berücksichtigen.
  • Den Menschen soweit wie möglich autonom entscheiden lassen, wie, wo und mit wem er isst.
  • Den Menschen beim Essenreichen mit seinem Namen ansprechen.
  • Zusammen das Essen zubereiten oder das Essen gemeinsam zu sich nehmen und darüber ins Gespräch kommen.

 

Literatur

Biedermann, M. (2004). Essen als basale Stimmulation (2., überarbeitete Auflage). Hannover: Vincentz Network
Buchholz, T. & Schürenberg, A. (2005). Lebensbegleitung alter Menschen. Basale Stimulationâ in der Pflege alter Menschen. Bern: Verlag Hans Huber (S. 99-106 und S. 259-273).


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