Wissenswertes zur Lerneinheit V: Interaktion gestalten

Wissenswertes:
Allgemeine Hintergrundinformationen zu Lerneinheit V


Bedeutung der nonverbalen Kommunikation im Kontakt mit Menschen mit Demenz

Menschen kommunizieren im Allgemeinen auf der verbalen und auf der nonverbalen Signalebene. Menschen mit Demenz kommunizieren mit Fortschreiten der Demenz bevorzugt auf der nonverbalen Signalebene. Sie haben die Fähigkeit, sich bis zu ihrem Tod über die nonverbale Signalebene auszudrücken und können Mitteilungen auf dieser Signalebene auch länger verstehen als Mitteilungen, die aus der verbalen Signalebene kommen. Der Ausdruck über die Körpersprache geschieht meist unbewusst. Auch wenn man dem verbalen Inhalt der Sprache eines Menschen mit Demenz keine Bedeutung mehr entnehmen kann, gelingt es doch häufig, über das gezielte Beobachten der Körpersprache etwas über den derzeitigen Zustand des Menschen mit Demenz zu erfahren. Über die Körpersprache werden Gefühle und Bedürfnisse mit einer hohen Authentizität vermittelt. Aus diesem Grund ist es für Pflegende sehr wichtig, sowohl für den Ausdruck der eigenen Körpersprache als auch für das Verstehen der Körpersprache des Menschen mit Demenz sensibel zu sein (zur Vertiefung siehe Literatur zur Lerneinheit V).

 

Informationen zum Modell der Interaktion zwischen Menschen mit Demenz und Pflegepersonen (nach Athlin & Norberg 1987)

Die Phänomene Verwirrtheit und Verstörtheit führen bei Menschen mit Demenz häufig zu Veränderungen und Schwierigkeiten in der Kommunikation und Interaktion. Im Allgemeinen wird Menschen mit Demenz die Fähigkeit zur Interaktion abgesprochen. Durch mehrere Studien (Renneke 2005, Wagener et al. 1998) konnte jedoch nachgewiesen werden, dass Menschen mit Demenz durchaus Fähigkeiten besitzen, die für eine Interaktion von Bedeutung sind. Sie können nonverbale Signale empfangen und senden. So sind sie beispielsweise in der Lage, das Verhalten ihrer Interaktionspartner wahrzunehmen und ihre Körperbewegungen und Gesten nachzumachen. (Wagener et al. 1998, Margraf 1999)
Das hier vorgestellte theoretische Modell von Athlin und Norberg (1987) dient zur  Einschätzung von Interaktionen. Das Modell beruht auf den von Barnard (1981) beschriebenen Interaktionen zwischen dem Säugling und seiner Mutter. In der Interaktion steht der Mensch mit Demenz mit seinen Fähigkeiten und Einschränkungen der Pflegeperson gegenüber. Die Aufgabe der Pflegeperson besteht darin, die Fähigkeiten und Einschränkungen von Menschen mit Demenz einzuschätzen und das eigene Interaktionsverhalten den Fähigkeiten des Menschen mit Demenz anzupassen. Dieser ist mit Fortschreiten des demenziellen Prozesses immer weniger in der Lage, sein Interaktionsverhalten situativ anzupassen. Das theoretische Modell der Interaktion von Athlin und Norberg (1987) dient in Bezug auf die Lernsituation dazu, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, das eigene Interaktionsverhalten in der Arbeit mit Menschen mit Demenz auf der Folie der wesentlichen Elemente, die für eine erfolgreiche Interaktion zentral sind, zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

I. Synchronie
Synchronie umfasst die Harmonie zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation. Sie kann sich sowohl auf die Person selbst als auch auf die Interaktion zwischen zwei Personen beziehen. In Bezug auf die Person selbst bedeutet Synchronie, dass verbale Sprache und nonverbale Sprache kongruent sind (Selbstsynchronisation). In Bezug auf die Interaktion bedeutet Synchronie das Aufeinanderfolgen von Aktionen und Reaktionen: Ein Partner agiert, der andere reagiert, darauf reagiert wieder der erste und so weiter. Die Aktionen und Reaktionen beider Interaktionspartner sind hierbei aufeinander abgestimmt, sie folgen einem gemeinsamen rhythmischen Muster (Interaktionssynchronisation). Damit dieses gelingen kann, müssen die Interaktionspartner die Signale ihres jeweiligen Gegenübers lesen können, um zu verstehen, wann eine Aktion beginnt und endet. Dieses ist wichtig, damit insgesamt stimmige Übergänge erreicht werden. Neben dieser Wechselseitigkeit gibt es auch noch eine Gegenseitigkeit, d. h. eine Parallelität in der Interaktion (Athlin und Norberg 1987).
Synchronie spielt eine sehr große Rolle für die gelungene Interaktion zwischen Menschen mit Demenz und Pflegepersonen. Eine fehlende Synchronie weist häufig auf eine Störung in der Beziehung zwischen den Interaktionspartnern hin. Um Synchronie in der Interaktion mit Menschen mit Demenz zu erlangen, bringt die Pflegeperson ihre verbalen und nonverbalen Signale, d. h. das eigene Interaktionsverhalten mit dem des Menschen mit Demenz in Übereinstimmung. Sie stellt sich auf seine bevorzugten Mitteilungskanäle, seinen Rhythmus und seinen Bewegungs- und Handlungstakt ein (tuning in). Sie parallelisiert und synchronisiert ihre verbalen und nonverbalen Signale mit den Signalen des Menschen mit Demenz. Sie wartet die Antworten ab und lässt Wahlmöglichkeiten zu.

Die Synchronie in der Interaktion ist abhängig von vier Elementen:

  • Klarheit und Eindeutigkeit der verbalen und nonverbalen Signale
  • Empfänglichkeit
  • Interpretation
  • Erwiderungsbereitschaft

Diese verschiedenen Elemente werden im Folgenden erläutert.

II. Klarheit der verbalen und nonverbalen Signale

Kommunikation meint den wechselseitigen Austausch von Informationen, Gefühlen oder Gedanken zwischen Personen, Gruppen und Systemen. Dieser Austausch geschieht mit Hilfe von verbalen und nonverbalen Signalen. Kommunikation kann nur dann gelingen, wenn Sender und Empfänger die gleiche Sprache sprechen und die Signale, die mitgeteilt werden, gegenseitig verstanden werden. Bei der Interaktion und Kommunikation mit Menschen mit Demenz sind folgende Elemente von zentraler Bedeutung (Ulmer & Margraf 1999).

II.1 Auf der gleichen Signalebene austauschen
Menschen mit Demenz verstehen Mitteilungen besser, wenn der Austausch auf der gleichen Signalebene (verbal oder nonverbal) stattfindet. Das heißt, auf ein nonverbales Zeichen erfolgt als Antwort ebenfalls ein nonverbales Zeichen. Wenn sich die Mitteilung auf der gleichen Signalebene befindet, muss sie nicht auf eine andere Ebene übersetzt werden. Hierdurch können die gesendeten Zeichen besser vom Empfänger erkannt werden.

II.2 Auf dem gleichen Kanal der nonverbalen Signalebene austauschen
Menschen mit Demenz verstehen Mitteilungen besser, wenn diese über die gleichen Kanäle (Gestik, Mimik, Blickkontakt, Körperhaltung, Körperbewegung) einer Signalebene ausgetauscht werden. Das heißt zum Beispiel, dass auf eine Geste eine gestische Antwort erfolgt.

II.3 Mindestens zwei Signale senden
Menschen mit Demenz verstehen Mitteilungen besser, wenn mindestens zwei Signale gesendet werden. Dieses zweite Signal sollte auf jeden Fall aus dem nonverbalen, körpersprachlichen Bereich kommen.

II.4 Alle Signale in die gleiche Richtung senden
Menschen mit Demenz verstehen Mitteilungen besser, wenn alle Signalebenen und Kanäle in die gleiche Richtung gehen. Dieses ist wichtig, um Double-bind-Situationen zu vermeiden. Double-bind-Situationen entstehen immer dann, wenn Menschen mit Demenz Signale erhalten, die sich widersprechen. Das heißt zum Beispiel, wenn auf der einen Seite Signale gesendet werden, mit dem Essen zu beginnen und gleichzeitig Signale gesendet werden, Medikamente einzunehmen

II.5 Bei Inkongruenz dem nonverbalen Signal Vorrang geben
Wenn nonverbale und verbale Äußerungen bei Menschen mit Demenz nicht zusammenpassen (zeigt das nonverbale Zeichen in eine andere Richtung als das verbale Zeichen), also die Selbstsynchronisation nicht mehr stimmt, sieht die Pflegeperson die nonverbale Signalebene als die wesentliche an.

II.6 Sich auf den Takt und Rhythmus des Menschen mit Demenz einstimmen
Menschen mit Demenz verstehen Mitteilungen besser, wenn sich ihr Gegenüber auf ihren Takt und den Rhythmus einstimmt (Tuning in) und diesem in der Interaktion folgt.

II.7 Akustische, visuelle, taktile und kinästhetische Signale senden

Wagener et al. (1998) haben in ihrer Studie festgestellt, dass verbale Kommunikation als alleiniger Anreiz zur Essensaufnahme bei Menschen mit Demenz kaum von Bedeutung ist. Verbale Kommunikation ist nur in Verbindung mit nonverbaler Kommunikation wirksam. Durch das Ansprechen unterschiedlicher Sinneskanäle verdeutlicht sich der Informationsgehalt der Nachricht für den Menschen mit Demenz. Dieses bedeutet, dass die Pflegeperson im Rahmen der Interaktion gestuft akustische, visuelle, taktile und kinästhetische Signale sendet, die an den bevorzugten Sinneskanal (Schlüsselreize) des Menschen mit Demenz angepasst sind.

  • Akustisch (z. B. die Aufforderung, mit dem Essen zu beginnen oder das Glas geräuschvoll auf dem Tisch abzusetzen)
  • Olfaktorisch (z. B. Aufforderung, an dem Essen zu riechen)
  • Gustatorisch (z. B. etwas von dem Essen probieren lassen)
  • Visuell (z.B. auf den Löffel / Teller zeigen, die gewünschte Handlung vormachen, d.h. Mitmachbewegungen initiieren)
  • Taktil (z. B. die Berührung des Löffels mit der Handinnenfläche)
  • Kinästhetisch (z. B. das Einleiten der Bewegung durch das Füllen des Löffels oder das Heben des Armes)

II.8 Körper-Hilfs-Ich einsetzen
Menschen mit Demenz haben häufig Schwierigkeiten, bestimmte Handlungsabläufe (Beginn, Abfolge, Durchführung und Beendigung von Handlungsabläufen, einzelne Handlungsschritte bzw. Teilhandlungsschritte) in ihrer Gesamtheit zu erinnern. Dieses macht die Interaktion mit Menschen mit Demenz oft so schwierig.
Die Pflegeperson kann den Menschen mit Demenz mit Hilfe des Körpergedächtnisses helfen, sich wieder zu erinnern und so zum selbstständigen Handeln zu kommen. Hierbei fühlt sie mit Hilfe ihres eigenen Körpergedächtnisses nach, welche Handlungsschritte nicht mehr erinnert oder nicht mehr richtig ausgeübt werden können. Sie nimmt über ihren eigenen Körper Kontakt mit dem Körpergedächtnis des Menschen mit Demenz auf und unterstützt ihn durch ihr eigenes Körper-Hilfs-Ich die Handlung in seinem Sinne auszuführen. Dabei lässt die Pflegeperson den Menschen mit Demenz durch sich und durch ihren eigenen Körper die fehlenden Handlungsschritte wieder fühlen. Dadurch hebt sie zum Teil die Fragmentierung des Gedächtnisses des Menschen mit Demenz wieder auf. Es entsteht ein begreifbarer Sinnzusammenhang, der es dem Menschen mit Demenz möglich macht, die Situation zu erkennen.
Die Pflegeperson stellt für den Menschen mit Demenz ein Körper-Hilfs-Ich dar, indem sie seinen Handlungsversuch deutet und zurückhaltend ergänzt, so dass der Mensch mit Demenz selbst weitermachen kann. Diese Ergänzung kann zum Beispiel dadurch stattfinden, dass die Pflegeperson bestimmte Handlungen vormacht oder durch sinnesspezifische Signale im Takt des Menschen mit Demenz Bewegungen initiiert. Menschen mit Demenz können durch Nachahmung oder durch Fortsetzen der Bewegungen sich selbst wiederfinden und so zu selbstständigem Handeln kommen.
Hierbei ist es entscheidend, dass die Pflegeperson fähig ist, die nonverbalen Signale des Menschen mit Demenz wahrzunehmen, zu beobachten und sie in die eigene Körpersprache rückübersetzen kann.

Einige der Aspekte zur Klarheit in der nonverbalen Sprache finden sich unter III. (Interpretation) wieder. Dort sind sie – wie in der Lernsituation auch – zusammengefasst zu drei wesentlichen „Regeln zur Bedeutungsabsicherung“.

III. Empfänglichkeit (Sensitivität)
Empfänglichkeit bedeutet, dass der Interaktionspartner für die Signale und Zeichen seines Gegenübers sensibel ist, d. h., dass er die Signale wahrnimmt und beobachtet, dass er sie richtig interpretiert und mit klaren Signalen beantwortet, die der andere wiederum verstehen kann (Athlin und Norberg 1987). Menschen mit Demenz sind darauf angewiesen, dass die Pflegepersonen sehr sensibel sind für ihre körpersprachlichen Signale. Es kommt zu einer Hierarchieverschiebung der verbalen Signalsprache hin zu nonverbaler Signalsprache (Ulmer & Margraf 1999).

IV. Interpretation
Durch die Interpretation der Signale erhält der Interaktionspartner einen Einblick in die Welt seines Gegenübers. In diese Interpretation fließen verbale und nonverbale Signalebenen mit ein. Signale, die als Mitteilungen sinngemäß interpretiert werden, ermöglichen einen Dialog (Athlin und Norberg 1987). Um die Interpretation abzusichern, sollten die Pflegepersonen in der Interaktion mit Menschen mit Demenz folgende drei Regeln beachten (Ulmer & Margraf 1999; Pease 2004):

IV.1 Signale im Verbund mit anderen Signalen deuten
Ein häufiger Fehler, der bei der Deutung und Interpretation der Körpersprache gemacht wird, ist, dass einzelne Signale unabhängig von anderen Signalen interpretiert werden. Dadurch, dass die Signale nicht im Verbund mit anderen Signalen beobachtet und interpretiert werden, kann es schneller zu Fehlinterpretationen kommen.
In der Körpersprache gibt es, wie in der gesprochenen Sprache, Wörter, Sätze und Satzzeichen. In der gesprochenen Sprache ist man erst dann in der Lage, die Bedeutung des Satzes richtig zu verstehen, wenn man ein Wort in einem Satz, d.h. in Verbindung mit anderen Wörtern hört (Pease 2003). In der Körpersprache ist es ähnlich: Hier müssen mindestens zwei Kanäle (z. B. Mimik und Gestik) in dieselbe Richtung weisen, damit die Bedeutung abgesichert werden kann. Außerdem werden die Sätze der Körpersprache mit den verbalen Äußerungen verglichen. Für die Arbeit mit Menschen mit Demenz ergeben sich daraus folgende drei Grundsätze (Ulmer & Margraf 1999.:

  • Bei Menschen mit Demenz, die auf der verbalen und nonverbalen Signalebene senden, lässt die Pflegeperson verbale und nonverbale Signale in ihre Interpretation mit einfließen. Auf Grund der mangelnden Eindeutigkeit verbaler und nonverbaler Signale von Menschen mit Demenz reicht die verbale Ebene zur Bedeutungsabsicherung nicht aus. Hier muss also mindestens ein zusätzliches Signal aus der nonverbalen Signalebene hinzukommen.

  • Bei Menschen mit Demenz, die ausschließlich auf der nonverbalen Signalebene senden, ist es für die Absicherung der Interpretation entscheidend, dass die Pflegeperson mindestens einen zweiten Kanal dieser Signalebene (z. B. Mimik und Körperhaltung) beobachtet.

  • Ist sich die Pflegeperson unsicher, ob ihre Deutung im Sinne des Menschen mit Demenz ist, sollte sie körpersprachlich nachfragen. Dieses kann sie dadurch tun, dass sie etwas fragend nach- oder vormacht und die Antwort des Menschen mit Demenz abwartet. Dadurch ist es möglich, Erinnerungen über das Körpergedächtnis des Menschen mit Demenz zu bergen, diese werden mit dem Körper-Hilfs-Ich der Pflegeperson in Verbindung gebracht.

IV.2 Signale im Kontext deuten
Nonverbale Signale sollten immer im Kontext der Situation, in der sie auftreten, gedeutet werden. Hierzu geben Pease (2004, S. 34) folgendes Beispiel: „Wenn jemand zum Beispiel an einem kalten Wintertag mit fest verschränkten Armen, übereinander geschlagenen Beinen und gesenktem Kinn an einer Bushaltestelle sitzt, ist er nicht in Abwehrstellung, sondern er friert. Wenn Ihnen dieser Mensch aber in der gleichen Haltung am Tisch gegenübersitzt, während Sie versuchen, ihm eine Idee, ein Produkt oder eine Dienstleistung zu verkaufen, zeigt seine Haltung durchaus, dass er Ihr Angebot ablehnt.“

IV.3 Auf die Kongruenz zwischen verbalen und nonverbalen Signalen achten

Wenn nonverbale und verbale Äußerungen bei Menschen mit Demenz nicht zusammenpassen (zeigt das nonverbale Zeichen in eine andere Richtung als das verbale Zeichen), also die Selbstsynchronisation nicht mehr stimmt, sieht die Pflegeperson die nonverbale Signalebene als die wesentliche an.

V. Erwiderungsbereitschaft

Erwiderungsbereitschaft meint, dass die Person die geistigen und motorischen Fähigkeiten besitzt, eine Antwort zu formulieren. Für die Interaktion mit Menschen mit Demenz bedeutet dieses, dass die Pflegeperson während der gesamten Interaktion präsent und somit im „Hier und Jetzt“ ist. Sie ist bereit, ihr Interaktionsverhalten dem des Menschen mit Demenz anzupassen.



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