Wissenswertes zur Lerneinheit IV: Personsein fördern


Wissenswertes:
Allgemeine Hintergrundinformationen zu Lerneinheit IV


Positive und negative Interaktionsformen nach Kitwood mit Beispielen aus dem Bereich der Unterstützung bei der Lebensaktivität Essen und Trinken

Die hier dargestellten Interaktionsformen stellen eine Auswahl aus den von Kitwood beschriebenen dar, welche für die Lebensaktivität Essen und Trinken besonders relevant sind. Die unterrichtliche Erarbeitung der Interaktionsformen ist reduziert auf diejenigen, die im Film „Personenzentrierte Pflege als Chance und Perspektive“ beobachtbar sind (in der linken Randspalte der nachfolgenden Tabelle mit Fettdruck markiert).
Während die Interaktionsformen im Film anhand konkreter Szenen beobachtet werden, liefert diese Übersicht weitere mögliche Beispiele, wie sich die Interaktionsformen in der Lebensaktivität Essen und Trinken zeigen können.

 

Positive Interaktionsformen

Interaktionsform

Erläuterung

Beispiele aus dem Bereich „Unterstützung beim Essen und Trinken“

Anerkennen

Sich einem Menschen zuwenden, ihn beim Namen nennen und ihn beachten, ihm achtsam zuhören und seine Art der Kommunikation würdigen. Einen Menschen in Rollen, die dieser einst hatte (z. B. Hausfrau, Mutter, berufliche Rolle) wertschätzen und ihn beim Ausfüllen dieser Rollen unterstützen

 

  • Kommunikations- und Handlungsversuche bewusst wahrnehmen und wertschätzen
  • Zeit einräumen, Handlungen umzusetzen
  • verbale und nonverbale Äußerungen zur Aktivität Essen und Trinken ernst nehmen, respektieren
  • den subjektiven Sinn hinter möglicherweise nicht sofort verstehbaren Äußerungen oder Signalen erfassen

Verhandeln

Einer Person ein Stück Selbstbestimmung und Entscheidungsmacht ermöglichen, indem man ihre Wünsche, Vorlieben und Bedürfnisse erfragt bzw. erkennt und sich danach richtet.

 

  • biografisches Wissen über die Lebensaktivität Essen und Trinken einbeziehen
  • individuelle und situative Vorlieben und Abneigungen erkennen (z. B. auf nonverbale Signale achten) und berücksichtigen
  • kreative alternative Lösungen suchen

Zusammenarbeiten

Eine Person darin unterstützen, selbsttätig zu sein, indem man mit ihr zusammenarbeitet und ihr Raum zum eigenen Handeln schafft. Einer Person ermöglichen, ihre eigenen Fähigkeiten einzubringen und sich selbst als nützlich und wertvoll wahrzunehmen.

  • Eigenaktivität aufgreifen, respektieren und fördern, auch wenn es sich um kleinste Bewegungen (Hand heben, Kopf drehen) handelt
  • sich im Tempo und Rhythmus an die Person mit Demenz anpassen, ihren Rhythmus aufgreifen („Tuning-in“)

Timalation

Eine Person über verschiedene Sinneskanäle (sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken) ansprechen und ihr signalisieren, dass sie wahrgenommen wird. Der Person zeigen, dass sie einbezogen ist und ihr dadurch Sicherheit und Wohlbefinden ermöglichen. Die verschiedenen Sinneskanäle bieten einen Zugang, wenn Worte versagen.

  • Speisen und Getränke optisch ansprechend anbieten (soweit das im Rahmen der Institution möglich ist)
  • der Person ermöglichen, Speisen, z. B. Brot, Obst … oder Teller und Besteck anzufassen, zu spüren, um eine Vorstellung davon zu bekommen
  • Geruchssinn ansprechen
  • Ein Lied singen oder ein Gebet vor dem Essen sprechen (biografisch)

Feiern

Einer Person Gelegenheit geben, zu feiern und sich zu freuen. Feiern ist ansteckend und genussvoll, es spricht die Gefühlsebene von Pflegepersonen und Menschen mit Demenz gleichermaßen an und stellt auf diese Weise emotionale Nähe her.

  • Einen Geburtstag, ein Fest oder einen Feiertag mit besonderen Getränken und Speisen gestalten, z. B. zum Geburtstag die Lieblingsspeise zubereiten
  • Lieder oder Trinksprüche zum Essen singen

Spielen

Einer Person ermöglichen, ohne Anspannung spielerisch zu handeln und Spaß zu haben. Der Person damit den Raum geben, spontan zu sein und etwas von sich selbst auszudrücken.
Das Spiel ist zweckfrei, und es geht dabei nicht um gewinnen oder verlieren, sondern darum, miteinander etwas zu tun.

  • für manche Menschen mit Demenz kann es hilfreich sein, in spielerischer Form einen Einstieg in den Handlungsablauf des Essens und Trinkens zu bekommen, (z. B. „Wir essen gemeinsam unseren Teller leer, auf die Plätze, fertig, los“)
  • Menschen mit Demenz, die mit ihrem Essen spielen (hin- und herschieben, schmieren), akzeptieren

Entspannen

Einer Person ermöglichen, zur Ruhe zu kommen, zufrieden mit sich und der Situation zu sein und sich zu entspannen. Ein Mensch mit Demenz kann sich in der Regel besonders entspannen, wenn er sich aufgehoben fühlt, wenn andere Personen in der Nähe sind.

  • Entspannung über bestimmte Speisen oder Getränke (z. B. eine warme Milch, ein heißer Tee, ein Stück Schokolade, ein angenehmer Geruch) unterstützen

Validation

Die subjektive Wirklichkeit der Person akzeptieren, indem man sich in das Erleben und die Gefühlswelt der Person hineinversetzt, ihre Gefühle wahrnimmt und diese durch eine wertschätzende Bestätigung (verbal und nonverbal) zum Ausdruck bringt.

  • das subjektive Erleben und die Gefühle der Person mit Demenz aus dem verbalen und nonverbalen Verhalten beim Essen und Trinken erspüren     (z. B. Wohlbefinden, Freude oder Ablehnung)
  • den Kontakt während des Essens und Trinkens dazu nutzen, der Person wertschätzend zu begegnen

Erleichtern

Die Person dabei unterstützen, Handlungen selbstständig aus- und zu Ende zu führen. Handlungsversuche als solche erkennen und zum Beispiel durch die Verwendung von Schlüsselreizen (Worte, Gesten) die Ausführung der Handlung ermöglichen. Ein Handlungsprogramm kann auch durch die Verwendung von verbalen und nonverbalen Schlüsselreizen in Gang gesetzt werden.

  • klare Signale geben, immer nur ein Signal auf einmal
  • Signale abgestuft geben (z. B. verbal-nonverbal), ausprobieren, wie viel Unterstützung nötig ist, um die Eigenaktivität zu fördern
  • verbale und nonverbale Schlüsselreize (z. B. Sprichwörter zum Essen, Hände ums Glas schließen) geben und ausreichend Zeit lassen, um darauf zu reagieren

 

Negative Interaktionsformen

Interaktionsform

Erläuterung

Beispiele aus dem Bereich „Unterstützung beim Essen und Trinken“

Ignorieren

Eine Handlung an einem Menschen „verrichten“, ohne tatsächlich einen Kontakt herzustellen oder den Menschen in die Handlung einzubeziehen; mit einem Gespräch oder einer Handlung fortfahren, als sei die Person nicht da.

  • Fragen, Aussagen, Rufe oder Handlungsversuche der Person unbeachtet und unbeantwortet lassen
  • während der Unterstützung beim Essen und Trinken anderes denken oder tun (z. B. fernsehen, abwesend sein und über andere Dinge nachdenken), sich mit anderen (Pflege-)Personen unterhalten

 

Überholen

Einem Menschen Informationen so schnell anbieten, dass er sich unter Druck gesetzt fühlt und nicht reagieren kann. Eine Person durch das eigene Tempo überholen, so dass diese ihre Ressourcen nicht nutzen kann.

  • zu schnelles Tempo bei der Unterstützung bzw. beim Anreichen von Speisen und Getränken
  • viele unterschiedliche Signale gleichzeitig geben (z. B. Löffel nehmen, Wasserglas zum Trinken, Medikamente einnehmen)

 

Unterbrechen

Eine Person in einer Handlung oder Interaktion grob stören ohne abzuwarten, bis die Handlung / Interaktion beendet ist. Der Person die Möglichkeit nehmen, ihre eigenen Ressourcen einzusetzen und selbsttätig zu sein.

  • eigenen Rhythmus und Tempo der Person bei der Nahrungsaufnahme unterbrechen, z. B. um sie zu beschleunigen
  • Manierismen während des Essens und Trinkens (z.B. mit Essen schmieren, spielen) unterbinden

Entmächtigen

Eine Person so entmächtigen, das sie ihre Fähigkeiten nicht nutzen kann oder ihr Hilfe bei Handlungsversuchen versagen.

  • Signale / Handlungsversuche des Menschen mit Demenz nicht beachten bzw. nicht aufgreifen
  • persönliche, zum Teil biografische Wünsche nicht aufgreifen; als Pflegeperson bestimmen, was der Mensch isst, in welcher Reihenfolge usw.

 

Infantilisieren

Eine Person infantilisieren, sie also überfürsorglich wie ein Kind behandeln.

 

  • mit Baby- oder Kleinkindsprache zum Essen und Trinken bewegen
  • möglicherweise vorhandene Eigenaktivität (Besteck halten, Glas mit anfassen, Wünsche zu Speisen äußern)     übergehen

 

Entwerten

Die subjektive Wirklichkeit und die dahinter stehenden Gefühle der Person nicht anerkennen und wertschätzen.

  • subjektiven Aussagen des Menschen (z. B. „Ich habe hier noch gar nichts zu essen gekriegt“, „Ich habe Hunger“ – obwohl die Person gerade gegessen hat) widersprechen, die Person dafür kritisieren
  • Gefühle hinter den Aussagen, z. B. „es schmeckt nicht“ möglicherweise für „es schmeckt nicht wie zu Hause“ ignorieren

Zwang

Eine Person zwingen, etwas zu tun und ihr keine Wahlmöglichkeit einräumen.

 

  • zum Essen oder Trinken drängen bis hin zum Zwang, z. B. durch lautes verbales Auffordern, Unterkiefer herunterdrücken, Nase zuhalten
  • auf der Nahrungsaufnahme beharren, andere Möglichkeiten (z. B. andere Speisen, andere Essenssituation, andere Essenszeit) außer Acht lassen

 

Literatur:

Kitwood, T. (2000). Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Göttingen: Hans Huber. (S.25-40).
Welling, K. (2005). Interaktion in der Pflege von Menschen mit Demenz. Grundlagen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung. Brake: Prodos Verlag (S. 22-23; 25).


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